Telemann, Georg Philipp

Geistliches Singen und Spielen (1710/1711)

(Eisenacher Jahrgang)

Zugehörigkeit: GSuS1

Textdichter/-in: Neumeister, Erdmann

Werkstatus:

authentisch

Bemerkungen:

Die große Bedeutung des Geistlichen Singens und Spielens für die Musikkultur des 18. Jahrhunderts steht heute außer Frage. Das Werk ist nicht nur der erste Kirchenmusikjahrgang Telemanns, der nahezu vollständig erhalten geblieben ist, sondern nimmt auch eine Muster- und Vorbildfunktion in der Geschichte der protestantischen Kirchenmusik des 18. Jahrhunderts ein. Erstmals wurde in diesem Jahrgang die von Erdmann Neumeister seit 1702 propagierte Ausrichtung der Kirchenmusik an die Rezitativ-Arien-Struktur der Oper mit zwei weiteren Elementen in einer ebenso systematischen wie differenzierten Abfolge für das gesamte Kirchenjahr verbunden: dem protestantischen Lied und dem biblischen Spruch. Die Kombination der vier Komponenten, in der moderne und retrospektive Elemente zum Tragen kommen, sollte bis zum Ende des Jahrhunderts die protestantische Kirchenmusik in ganz Deutschland prägen. Das Geistliche Singen und Spielen war der erste Jahrgang, der mit überregionaler Strahlkraft diese hybride Form der Kirchenmusik propagierte und popularisierte.

Der Jahrgang bot den Zeitgenossen ein Musterbuch der neuen Kirchenmusik, in dem jedes Stück eine neue Möglichkeit der Abfolge, Differenzierung und Integration der vier heterogenen Elemente exemplifizierte. Den Komponisten hat der von Erdmann Neumeister gedichtete Jahrgang nicht nur in seiner späten Eisenacher Zeit intensiv beschäftigt, sondern auch in seinen Frankfurter Jahren, in denen er Zweitvertonungen der Texte schuf. Und auch als Musikdirektor in Hamburg führte Telemann einzelne Kirchenstücke des Jahrgangs und Ausschnitte daraus wieder auf,  so gleich in dem ersten von ihm dort gestalteten Gottesdienst.

Über Telemanns Wirken hinaus wurde der Jahrgang in der höfischen wie der städtischen Kirchenmusik, an kleinen und großen Residenzen, in Metropolen und größeren wie kleineren Orten über Jahrzehnte hinweg musiziert. Nachweisbar sind zum derzeitigen Stand der Forschung Aufführungen des Jahrgangs oder einzelner Stücke daraus in Brandenburg, Breslau, Chemnitz, Eisenach, Erfurt, Frankenberg, Frankfurt am Main, Grimma, Hamburg, Kirchhain, Leipzig, Luckau, Mügeln, Rudolstadt, Sondershausen, Schotten, Wiehe, Wolfenbüttel und Zerbst von 1710 bis in die 1770er-Jahre.

Den größten Teil des Jahrgangs schuf Telemann für die Aufführungen des Kirchenjahres 1710/11 in der Eisenacher Georgenkirche; es ist möglich, dass er einzelne Kirchenstücke, die damals nicht auf dem liturgischen Kalender standen, erst in Frankfurt komponierte, den Jahrgang also dort vervollständigte. Der Grund für die verschiedenen Zweitkompositionen Telemanns zu dem Jahrgang in seiner Frankfurter Zeit, ist unklar; es ist anzunehmen, dass sie mit der durch einen (verloren gegangenen) Textdruck belegten Frankfurter Aufführung im Kirchenjahr 1717/18 zusammenhängen. Bereits nach seiner Ankunft in Frankfurt im März 1712 hatte Telemann allerdings damit begonnen, zumindest Teile des Jahrgangs seinem neuen Publikum vorzustellen.

Die musikalische Überlieferung des Geistlichen Singens und Spielens ist komplex und zum Teil unbefriedigend: Es liegen nur wenige Autographe aus der Eisenacher Zeit vor, so dass die meisten erhaltenen Quellen in zeitlicher und räumlicher Distanz zur Erstaufführung des Jahrgangs entstanden sind und häufig auch mehr oder weniger große Spuren der Fremdbearbeitung aufweisen. Nach den Autographen sind es vor allem Abschriften in der Frankfurter kirchenmusikalischen Sammlung, die für eine kritische Edition herangezogen werden können: Die von Heinrich Valentin Beck geschriebenen und 1738 nach Frankfurt mitgebrachten Partituren sowie die frühen Abschriften von Johann Christoph Bodinus (für eine Aufführung des Jahrgangs 1722/23) sind in der Regel (aber nicht in jedem Fall) zuverlässiger als die Quellen, die unter der Ägide von Johann Balthasar König entstanden sind. Hinzu kommen überlieferungsgeschichtlich relevante Stimmenabschriften aus Grimma, Sondershausen, Schotten, Luckau und anderen Orten sowie fragmentarisch erhaltene Stimmbücher zu dem Jahrgang aus Kirchhain/Frankenberg. Nicht in jedem Fall ist es möglich, aus den erhaltenen Quellen auf die ursprüngliche Eisenacher Gestalt der Kirchenmusiken rückschließen zu können.

Eine weitere zentrale Herausforderung für heutige Auseinandersetzungen mit dem Jahrgang ist die Tatsache, dass er in einer Übergangszeit zwischen der Notation in höherer Orgelton- und niedrigerer Kammerton-Stimmung entstanden ist. In den Quellen treten die Stücke teilweise in drei oder sogar vier verschiedenen Tonarten auf. Die Gesamtedition des Jahrgangs in der Telemann-Auswahlausgabe (Bd. ...)  hat die Maßgabe formuliert, so weit möglich die Stücke im Kammerton zu edieren.

(Wolfgang Hirschmann)

Beinhaltet:
Nun komm der Heiden Heiland  
Der jüngste Tag wird bald sein Ziel erreichen  
Mein Kind, willt du Gottes Diener sein  
Ihr seid alle Gottes Kinder  
Uns ist ein Kind geboren  
Gelobet seist du, Jesu Christ  
Das Wort Jesus Christus ist das wahrhaftige Licht  
Danket dem Herrn Zebaoth  
Redet untereinander mit Psalmen und Lobgesängen  
Alle, die gottselig leben wollen  
Ihr Völker, bringet her  
Wie lieblich sind deine Wohnungen  
Mein Jesu, ist dir's denn verborgen  
Was mein Gott will, das gescheh allzeit  
Wenn wir in höchsten Nöten sind  
Seid nüchtern und wachet  
Wie teuer ist deine Güte  
Es ist das Heil uns kommen her  
Gleichwie der Regen und Schnee  
Sehet, wir gehn hinauf nach Jerusalem  
Man singet mit Freuden vom Sieg  
Herr Jesu Christ, ich schrei zu dir  
Geduld, wenn Menschen sich zu Teufel machen  
Aller Augen warten auf dich  
Wenn ich ein gut Gewissen habe  
Nun kommt die große Marterwoche  
Willkommen, segensvolles Fest  
Zwei Jünger gehn nach Emmaus  
Er, der Herr des Friedens  
O mein Gott, vor den ich trete  
Meine Schafe hören meine Stimme  
In der Welt habet ihr Angst  
Nun aber gehe ich hin  
Bittet, so wird euch gegeben  
Wie schön wird's nicht im Himmel sein  
Gen Himmel zu dem Vater mein  
Wir glauben an den heiligen Geist  
Also hat Gott die Welt geliebet  
Herr Jesu Christ, dich zu uns wend  
Drei sind, die da zeugen im Himmel  
Habt nicht lieb die Welt  
Selig sind, die zum Abendmahl des Lammes berufen sind  
Ach, wo flieh ich Armer hin  
Seid barmherzig wie auch eure Väter  
Der Segen des Herrn machet reich ohne Mühe  
Wer sich rächet, an dem wird sich der Herr  
Gesegnet ist die Zuversicht  
Es spricht der Unweisen Mund  
Ich bin vergnügt an diesen Gütern  
O großer Gott von Macht  
Ach, mein Herze schwimmt im Blute  
Was Jesus nur mit mir wird fügen  
Was Jesus nur mit mir wird fügen  
Jesu, meine Freude  
Das ist ein köstlich Ding  
Alle eure Sorgen werfet auf den Herrn  
Ich habe Lust abzuscheiden  
Mir hat die Welt trüglich gericht mit Lügen  
Christum lieb haben ist besser  
Mein Sünd mich werden kränken sehr  
Der Herr wird ein Neues im Lande schaffen  
Das Kreuz ist eine Liebesprobe  
Ach Gott, du bist gerecht  
Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist  
Ich fürchte keinen Tod auf Erden  
Wohin ich nur die Augen wende  
Jesu, wirst du bald erscheinen  
Kinder, es ist die letzte Stunde  
Herzlich tut mich verlangen  
O tausendmal gewünschter Tag  
Gelobet sei der Herr, der Gott Israel  
Maria stund auf in den Tagen  
Der Engel des Herrn lagert sich  

Entstehungszeit: [1710-1711]

+ Quellen

+ Forschungsliteratur


Zuletzt geändert am 2025-05-20 09:33